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"Das Problem bleibt der Budgetdeckel"

Hamburg, 16. April 2014 - Der änd sprach mit Dr. Dirk Heinrich, dem Bundesvorsitzenden des NAV-Virchow-Bundes und Chef des HNO-Berufsverbandes, über die aktuelle Ärztestatistik, das Honorarsystem und seinen Eindruck vom neuen Gesundheitsminister.

Sieht kein generelles Terminproblem - der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. Dirk Heinrich (© Schoelzel - NAV-Virchow-Bund)

Herr Dr. Heinrich, die Bundesärztekammer hat eine Statistik vorgelegt, die eine bundesweit steigende Zahl von Ärzten ausweist. Der Ersatzkassenverband wertet das als Beleg für die Attraktivität des Arztberufes. Stimmen Sie dem zu?

Natürlich ist es ein schöner Beruf – ansonsten hätten wir vermutlich eher sinkende Zahlen. Ich kann aber nur dazu raten, sich die Lage einmal genau anzuschauen: Die wachsende Zahl der Teilzeitbeschäftigten auch im ambulanten Sektor oder die schärferen Arbeitszeitgesetze in den Kliniken bleiben natürlich nicht ohne Folgen: Am Ende des Tages geht es doch nicht darum, möglichst viele Köpfe zu haben. Es geht um die Gesamt-Arbeitszeit aller Ärzte – und da sinkt die Kapazität. Darüber hinaus zeigt die Statistik, dass der Altersdurchschnitt der ambulant tätigen Kollegen stetig steigt. Den Kassen muss man da deutlich sagen: Wir werden diese Probleme nicht lösen, wenn die Arbeit in den Praxen für den Nachwuchs nicht attraktiver gestaltet wird...

... wobei immer auch das Honorarsystem im Zentrum der Diskussionen steht. Erwarten Sie von der nächsten EBM-Reform – für die Fachärzte offenbar auf 2016 verschoben – spürbare Verbesserungen?

Natürlich muss man den EBM weiterentwickeln und versuchen, im Rahmen einer sinnvollen Evolution Schwächen auszugleichen. Aber im Endeffekt ist immer die Gefahr da, dass es nur ein Verschieben von der rechten in die linke Tasche wird. Mit einer budgetierten Gesamtvergütung kann halt auch ein neuer EBM nicht die Wende einleiten. Wir haben immer noch einen Budgetdeckel, dadurch keine verlässliche Kalkulationsbasis und 20 bis 30 Prozent unbezahlte Leistungen. Wenn sich das nicht ändert, werden wir auch die Versorgungsprobleme nicht in den Griff bekommen. Natürlich ist eine Niederlassung auf dem Land oder in bestimmten Stadtteilen nicht besonders attraktiv, wenn man keine Ausgleichsmöglichkeiten über Privatpatienten hat. Ein Beispiel aus meinem Umfeld hier in Hamburg: Ein HNO-Kollegen mit Kassenzulassung und 1.600 Scheinen in Hamburg-Jenfeld konnte seine Praxis schlichtweg nicht verkaufen, weil niemand kaufen wollte. In der Zeit, in der er suchte, haben sich fünf HNO-Ärzte in Hamburg mit reinen Privatpraxen niedergelassen. Das zeigt: Es muss eine verlässliche wirtschaftliche Basis da sein, damit die Arbeit im GKV-System attraktiv wird.

Würde ein besseres Honorar denn auch den Ärztemangel auf dem Land reduzieren – oder müssen da weiter Schritte unternommen werden?

Der Ärztemangel auf dem Land ist natürlich nicht nur ein Vergütungsproblem. Die geänderten Ansprüche der nachkommenden Generationen, die Arbeitsmöglichkeiten für Ehepartner, die Infrastruktur vor Ort und eine allgemeine Verstädterungstendenz sind da auch wichtige Faktoren.

Auf die man wie reagieren kann?

Sicherlich unter anderem mit neuen Kooperationsmodellen und zum Beispiel einer Stärkung der Ärztenetze – wobei die Politik mehr helfen sollte. Auch können KV-Eigeneinrichtungen als Starthilfe für die Kollegen geeignet sein. Ich finde auch Pläne nicht prinzipiell verkehrt, nach denen eine Stadt oder ein Kreis eine Praxis vorhält und dort an jedem Wochentag ein Kollege einer anderen Fachrichtung Sprechstunde hat. Nur dann muss das auch so vergütet werden, dass da ein Arzt hinfahren möchte. Da wird sicher kein Kollege kommen, wenn er dort auf eine budgetierte Vergütungssituation trifft, Hin- und Rückweg sowie 30 Prozent seiner Leistungen nicht bezahlt bekommt. Daher muss man ehrlich sagen: Das wird mehr Geld kosten. Anders wird es nicht gehen.

Manche Kollegen schlagen bezüglich des Honorarsystems vor, dass die Facharztgruppen Grundleistung definieren und die KBV diese dann aus dem Budget rausverhandeln sollte. Ein guter Ansatz?

Im Prinzip finde ich das gut und es könnte ein erster Schritt in Richtung feste Preise sein. Man darf allerdings nicht zu viel erwarten: Das wird ja bereinigt und es kommt unter dem Strich kein Euro mehr rein. Nur die Dynamik in dem Bereich würde dann endlich wieder von den Kassen getragen, wie es sich für eine Krankenversicherung gehört. Das wären dann aber auch zusätzliche Fälle, die mehr Arbeit kosten als nur diese Grundleistungen. Das Problem bleibt der Budgetdeckel.

Die Fachgruppen, die große Schwierigkeiten haben, brauchen direkt mehr Geld. Da wäre es als Erstmaßnahmen besser, wenn die fachärztliche Grundpauschale noch besser ausgestattet wird oder wenn im hausärztlichen Bereich weitere Leistungen als förderungswürdige Leistungen einsortiert werden.

Könnten Selektivverträge die Lage der Fachärzte nicht auch verbessern?

Im Grunde bin ich über jede Lösung froh, über die zusätzliches Geld hereinkommt. Allerdings sagt der Name natürlich schon: Da wird selektiert und es sollen nach dem Willen der Kassen auch nicht unbedingt alle Ärzte mitmachen. Wenn in einem Bundesland beispielsweise alle Hausärzte bei einem solchen Modell mitmachen – zahlen die Kassen dann insgesamt 30 Prozent mehr? Da fehlt mir der Glaube. Letztendlich wird nur eine Teilmenge bessergestellt und muss im Gegenzug Freiheiten aufgeben: eingeschränkte Medikamentenauswahl, bevorzugte Termine oder die Verpflichtung, irgendwo einzusparen. Dieser Zwang zur stärkeren Ökonomisierung muss nicht immer positiv für den Patienten sein. Ich kenne übrigens auch kaum Studien von neutraler Seite, die zeigen, dass die HZV für den Patienten wirklich etwas verbessert.

Sie haben sich kürzlich mit Bundesgesundheitsminister Gröhe getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie?

Man merkt natürlich, dass er noch sehr neu im Amt ist und nicht aus diesem Bereich kommt. Zunächst hat er den Schwerpunkt auf den Bereich Pflege und ethische Fragen der Medizin gelegt. Das ist im Grunde sehr zu begrüßen. Wenn er etwas länger im Amt ist, wird er sich sicher auch stärker den Problemen der ambulanten Versorgung zuwenden. Ich habe ihn als sehr gesprächsbereiten Zuhörer erlebt, der keine ideologischen Scheuklappen trägt und auch keine geheime Agenda verfolgt. Er scheint durchaus interessiert an gangbaren Lösungen. Das ist zunächst einmal eine gute Ausgangsbasis.

Mit seiner Einstellung zur Terminproblematik hat er nicht nur Lob aus der Ärzteschaft erhalten.

Das ist richtig. Mein Eindruck ist der: Wenn die KVen selbst Terminstellen einrichten und die Arbeit dort auch evaluieren, sind die Aussichten gut, dass das komplette Thema nach Vorliegen der ersten Ergebnisse wieder abgeräumt wird. Es gibt vielleicht in einzelne Regionen Probleme mit Terminen, weil es dort zu wenig Ärzte gibt. Dass soll man dann auch identifizieren und versuchen, Lösungen zu finden. Aber ein generelles Terminproblem gibt es doch gar nicht – und das sollte man mit einer Evaluation darstellen können. Nach ein bis zwei Jahren hat sich die Sache dann erledigt. Wenn man das jetzt zu sehr dämonisiert, erreicht man das Gegenteil und wir bekommen im Gesetz eine fest verankerte Lösung, die für immer bleibt. Davon haben wir nichts.

Apropos Gesetz: Glauben Sie, dass das BMG in Sachen Trennung der haus- und fachärztlichen Bereiche weitere neue Vorschriften erlässt?

Ich denke, dass der Politik klar geworden ist, dass des eher ein Thema für die nächste KBV-Wahl im Jahr 2016 ist und dass man da schwer über Gesetze sinnvolle Regelungen finden kann. Das sollte Sache der KVen und der KBV bleiben – und ich bin zuversichtlich, dass man da gute Lösungen findet. Wichtig ist eine sachliche und zielorientierte Diskussion. Ich war ein wenig entsetzt darüber, wie der Konflikt von Seiten des Hausärzteverbandes geschürt wurde. Triebfeder war da schlichtweg der Wunsch, die Hausärztliche Vertragsgemeinschaft gefördert zu sehen. Denn wenn man sich die Honorarsituation der Hausärzte ansieht, sind sie bundesweit mitnichten das Hauptproblem. Insbesondere die konservativ tätige Augenärzte, HNO-Ärzte oder Orthopäden – im Prinzip alle konservativ tätigen Organfachärzte – liegen zum Teil im Bundesschnitt der Überschüsse (GKV) deutlich darunter. Wir haben mittlerweile bei den Hausärzten in manchen Regionen der neuen Bundesländern sogar die Situation, dass alle Leistungen eins zu eins bezahlt werden. Die Facharzt-Kollegen sind dort davon weit entfernt. Natürlich ist ganz klar, dass es dem Hausärzteverband in erster Linie um die Positionierung seines Wirtschaftsunternehmens und nicht nur um die Belange der Basis-Hausärzte ging. Jedes Unternehmen darf das so tun – das muss man dann aber auch mal offen so benennen dürfen.

Das Interview führte Jan Scholz vom änd.

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