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Heinrich: „Die Niedergelassenen sind es leid, ständig beschimpft zu werden“

Berlin, 27. August 2014 - Am Mittwoch werden in Berlin die Honorarverhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband fortgesetzt. Im Interview mit dem änd erklärt Dr. Dirk Heinrich, NAV-Virchow-Bund-Vorsitzender und niedergelassener HNO-Arzt, warum die Forderungen der Ärzteschaft berechtigt sind und wozu die Ärzteschaft bereit ist, sollten diese Forderungen nicht erfüllt werden.

"Den Nachholbedarf haben wir nun mal." - Dr. Dirk Heinrich

Herr Dr. Heinrich, die Honorarverhandlungen laufen. Wann gibt es ein Ergebnis und was schätzen Sie, was die KBV für die Niedergelassenen rausholen wird?

Wann es ein Ergebnis geben wird, können wir nicht genau vorhersagen. Das kommt auf die Gespräche an und kann sich noch länger hinziehen. Denn bis jetzt haben wir noch nichts Konkretes gehört - außer einem Gutachten der Krankenkassen, das völlig daneben ist, wohingegen die Forderungen der KBV ja sehr nachvollziehbar sind.

Wir hoffen schon, dass sich in beiden Richtungen – also beim in den EBM einkalkulierten Arztlohn und bei den festen Preisen – etwas bewegt. Die jetzigen Verhandlungen müssen der Einstieg in beide Bereiche sein – nicht zuletzt, weil darauf die weiteren Reformen des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) aufbauen.

Die Forderungen der Ärzteschaft wurden bereits im Vorfeld kritisiert. Fünf Milliarden Euro seien unangemessen ...

Wenn man jahrelang budgetiert und dafür sorgt, dass viele Leistungen nicht bezahlt werden, staut sich natürlich ein gewaltiger Betrag auf. Das ist so; den Nachholbedarf haben wir nun einmal. Uns ist natürlich auch klar, dass die fünf Milliarden nicht innerhalb eines Jahres kommen werden. Aber es muss eine Richtung eingeschlagen werden, bei der erkennbar ist, dass wir Niedergelassenen nicht länger den Gehaltsentwicklungen in den Kliniken hinterherhinken. Anderenfalls muss man sich nicht wundern, wenn sich immer weniger Ärzte niederlassen.

War es strategisch gut, die Gesamtsumme vor den Verhandlungen in den Raum zu stellen?

Ja, denn das ist offen und transparent. Gleichzeitig hat Herr Gassen ja gesagt, dass er nicht davon ausgeht, dass gleich die fünf Milliarden fließen. Aber es muss insgesamt schon ein substanzieller Betrag rüberkommen, um übrigens auch gerade die Gruppen, die besonders benachteiligt sind – also die wohnortnahen Fachärzte wie Urologen, Gynäkologen, Augenärzte, Orthopäden, HNO-Ärzte und Neurologen – nachhaltig zu stützen. Auch das erwarten wir natürlich.

Baden-Württembergs AOK-Chef Hermann äußerte, dass die Orientierung der KBV an den Gehältern der Oberärzte in Kliniken nicht nachzuvollziehen ist. Zitat: „Im Krankenhaus gibt es viel mehr Indianer als Häuptlinge. Die meisten sind Stationsärzte und nicht Oberarzt. (...) Ich weiß nicht, ob jeder der 150.000 niedergelassenen Ärzte sofort ein Oberarzt ist.“

Die Orientierung am Oberarzt entspricht dem Tätigkeitsgebiet und vor allem der Verantwortung, die ein niedergelassener Arzt trägt. Ein niedergelassener Arzt hat über sich keinen anderen Arzt, den er nochmal fragen kann oder der Supervision macht. Wir werden also quasi letzt-instanzlich tätig. Die niedergelassenen Kollegen jetzt auf das Niveau eines Stationsarztes, der sich möglicherweise noch in Weiterbildung befindet, herabzusetzen, ist eine Unverschämtheit.

Hermann sagte auch, dass der neue KBV-Chef enorm unter Druck steht und man ihm „schon einen kleinen Erfolg geben müssen wird“. Wie beurteilen Sie das?

Ich glaube nicht, dass Herr Gassen unter Druck steht, sondern die Krankenkassen. Denn die niedergelassenen Ärzte sind es leid, ständig beschimpft und mit Veröffentlichungen wie dem Prognos-Gutachten hingehalten zu werden. Diese völlig unhaltbaren Thesen ermöglichen keine faire Diskussion. Vielmehr wird hier von den Kassen ein Popanz aufgebaut, um die Ärzte wieder drücken zu können. Das macht wütend und fördert unsere Kampfbereitschaft. Wir sind jederzeit kampfbereit und wenn die Herrschaften das wollen, wird es wieder wie 2012 ...

... und die Rückgabe des Sicherstellungsauftrags ein Thema werden? Über wie viel Macht verfügt die Ärzteschaft, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen?

Im extremsten Fall kann das so wie 2012 laufen, als schon einmal die Rückgabe des Sicherstellungsauftrags angedroht wurde. Es ist dieses Mal auch nicht auszuschließen, dass Ärzteverbände zu Kampfmaßnahmen aufrufen und das auch durchsetzen. Von daher haben wir schon ein ganzes Stück Macht. Wir werden sie zu nutzen wissen.

Aus dem Südwesten hieß es, man könne sich die „elenden Rituale“ der jährlichen Verhandlungen sparen, würde man flächendeckend auf die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) umstellen. Wäre das tatsächlich eine Alternative, die bundesweit funktionieren könnte?

Bei sinkenden Hausarztzahlen wird eine hausarztzentrierte Versorgung natürlich wunderbar funktionieren. Das ist ja Pfeifen im Walde. Davon abgesehen fehlt jeder wissenschaftliche Nachweis, dass die HzV irgendetwas Positives im Sinne von Einsparungen oder einer besseren Versorgung bringt. Dieser Vorschlag ist nicht realistisch und deshalb nicht mehr als heiße Luft.

Wie viel „elendiges Ritual“ steckt Ihrer Auffassung nach in den Verhandlungen? GKV-Spitzenverbandssprecher Florianz Lanz und KBV-Sprecher Stahl lieferten sich ja bereits am ersten Tag ein Twitterduell.

Es sind regelmäßig die Krankenkassen, die mit solchen Aufschlägen kommen und die Stimmung anheizen. Das ist nicht klug und auch nicht schön. Aber wenn sie das so brauchen – dann bitteschön.

Inwieweit beeinflussen die Querelen innerhalb der KBV und nicht zuletzt die bis in die Öffentlichkeit vorgedrungene Spaltungsdebatte zwischen Haus- und Fachärzten die Verhandlungsposition der Ärzteschaft? Hat sie das möglicherweise geschwächt?

Ich glaube nicht, dass das einen Einfluss hat. Ich hoffe – das sehe ich ja auch nur von außen – dass der KBV-Vorstand richtig gut zusammenarbeitet. Sollte da irgendwer in irgendeiner Art ausscheren, dann gehört er abgewatscht.

Verhandlung heißt immer auch, einen Kompromiss zu finden. In welchen Punkten könnte die Ärzteschaft am ehesten Abstriche machen?

Wir müssen sehen, dass die Entwicklung der Honorare in die richtige Richtung geht. Von daher muss – ich betone das gern noch einmal – am Ende ein substanzieller, über Inflations- und Morbiditätsausgleich hinausgehender, Betrag stehen. In unsere grundsätzlichen Forderungen – feste Preise und Arztlohn – muss Bewegung reinkommen. Wenn das nicht der Fall ist, werden wir uns zu Kampfmaßnahmen entschließen müssen, wir können und wollen keine Abstriche mehr hinnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch

Mit freundlicher Genehmigung von facharzt.de.

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