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Ärzte an der Basis wollen keine Datensammler sein

Die Digitalisierung beschäftigt die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte besonders.
Foto: (c) Lopata/axentis
34 Anträge bearbeiteten die Delegierten
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Eine nationale Medikamenten- und Impfstoffreserve, Integrierte Notfallzentren, die Neuordnung der Sektorengrenze, Klimaschutz und ein Verbot von Elektro-Scootern – die politischen Forderungen der niedergelassenen Ärzte im Virchowbund decken die ganze Bandbreite der Versorgung ab. Doch das brennendste Thema der Bundeshauptversammlung am 25. und 26. Oktober in Berlin war eindeutig die Digitalisierung.

„Wir Ärzte müssen die Digitalisierung von der Basis lenken. Wir wollen nicht als Datensammler und Überwacher missbraucht werden. Digitalisierung muss mehr Arzt-Patienten-Zeit ermöglichen“, forderte die baden-württembergische Landesgruppenvorsitzende Dr. Brigitte Szaszi bei der Versammlung. Die Delegierten erklärten per Entschließung: Die Patienten über die elektronische Patientenakte aufzuklären sei Aufgabe der Krankenkassen und dürfe nicht an Ärzten und Praxisteams hängen bleiben. Denn im Unterschied zur arztgeführten elektronischen Fallakte soll die Patientenakte ganz im Einflussbereich der Patienten liegen.

Bei der Telematik-Infrastruktur müssten noch offene Haftungsfragen dringend geklärt werden. Nur so lasse sich das Vertrauen der Ärzte und Patienten in die Digitalisierung wiederherstellen. Weiteren Strafen für nicht angeschlossene Ärzte erteilten die Delegierten eine Absage. „Das Automobil hat sich auch nicht durchgesetzt, weil Besitzer von Pferdekutschen bestraft wurden“, mahnte der Bundesvorsitzende den anwesenden Gesundheitsminister Jens Spahn. „Nur wenn Patienten und Ärzte klare Vorteile im Behandlungsablauf erleben, wird sich die Patientenakte durchsetzen.“

Die niedergelassenen Haus- und Fachärzte sprachen sich auch für eine Neuordnung des Sektorenübergangs aus. Der Sicherstellungsauftrag der Vertragsärzteschaft und der organisierte Notdienst seien dagegen unteilbar. Notfallversorgung sei Aufgabe der Vertragsärzte. Die Länder sollten sich aus dem Sicherstellungsauftrag heraushalten. Integrierte Notfallzentren (INZ) könnten nur sinnvoll von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) betrieben werden.

Den Ausbau der Terminservicestellen sahen die Delegierten als Chance, Patienten schnell und treffsicher in den passenden Versorgungsbereich lotsen. Dabei gehe es auch darum, Patienten mit echtem Bedarf besseren Zugang zu verschaffen und Patienten mit Befindlichkeitsstörungen herauszufiltern.

Patientensteuerung sei ärztliche Verantwortung und gehört nicht in die Hand von Internetplattformen und Konzernen wie Jameda oder Doctolib. Diese würden u. a. mit ihrem Bewertungssystem willfährige Medizin befördern. Denn wer als Arzt bei einem viralen Infekt nicht Antibiotika verschreibe, werde regelmäßig mit schlechten Bewertungen abgestraft. Die Initiative „Klug entscheiden“ hatte gezeigt, dass Patientenerwartungen häufig zu Überversorgung führen.

Der Bundesvorsitzende, Dr. Dirk Heinrich, mahnte seine Kolleginnen und Kollegen jedoch auch zu mehr Selbstkritik und Selbsthygiene. „Wer den halben Tag PKV-Patienten behandelt und Selbstzahler aktiv bevorzugt, der sollte dann auch nur eine halbe Zulassung besitzen“, forderte er. Allerdings sei auch die Politik an der aktuellen Lage nicht unschuldig. Schließlich habe sie durch geringe Pauschen viele Praxisbesitzer in der Vergangenheit dazu gezwungen, Zusatzeinnahmen zu lukrieren, um die Praxis am Laufen zu halten.

Auch bei der Klimapolitik formulierten die niedergelassenen Ärzte einen deutlichen Appell an die Regierung, Länder und Kommunen, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten und sich in der Klimapolitik von der Wissenschaft leiten zu lassen. „Die Gesundheit der Bürger ist von der Klimakrise bedroht“, warnten die Delegierten des Virchowbundes.

 

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