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5 Jahre „Klug entscheiden“: Man muss viel wissen, um wenig zu tun

Prof. Dr. Elisabeth Märker-Hermann blickt zurück auf fünf Jahre „Klug entscheiden“.
Foto: (c) Lopata/axentis
Die Podiumsteilnehmer (v.l.: Märker-Hermann, Wessel, Rieser, Wambach, Ullmann) sprechen sich für mehr Patientenkompetenz aus.
Foto: (c) Lopata/axentis

Vor fünf Jahren machte die Initiative „Klug entscheiden“ von sich reden. Seitdem sind viele Empfehlungen gegen Über- und Unterversorgung entstanden. Im Versorgungsalltag kommen sie aber noch zu wenig an.

Inspiriert vom „choosing wisely“-Programm des American Board of internal Medicine (ABMI) hob die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2015 die Initiative „Klug entscheiden“ aus der Taufe und definierte Bereiche für wissenschaftlich belegte diagnostisch-therapeutische Maßnahmen, die entweder zu selten angewandt werden oder nicht notwendig sind – klassische Unter- bzw. Überversorgung.

Auf Basis von wissenschaftlichen Leilinien hat die DGIM, unterstützt von zwölf medizinischen Fachgesellschaften, inzwischen sowohl Positiv- als auch Negativempfehlungen formuliert. Zu den Negativempfehlungen zählen beispielsweise die Nicht-Verordnung von Antibiotika bei viralen Infekten, das Ultraschallscreening auf Schilddrüsenveränderungen bei Menschen über 60 Jahre oder das MRT bei nichtspezifischem Kreuzschmerz unter sechs Wochen ohne „Red Flags“.

Prof. Dr. Elisabeth Märker-Hermann, zwischenzeitliche DGIM-Vorsitzende, hatte die Initiative gemeinsam mit Prof. Dr. Gerd Hasenfuß und Prof. Dr. Michael Hallek in Deutschland maßgeblich etabliert und vorangetrieben. Bei der Bundeshauptversammlung des Virchowbundes Ende Oktober in Berlin ließ Märker-Hermann den Erfolg von fünf Jahren „klug entscheiden“ Revue passieren.

 

Partizipative Medizin stärken

Sorge vor Behandlungsfehlern und Druck der Patienten seien einer DGIM-Umfrage zufolge die häufigsten Gründe für überflüssige diagnostische oder therapeutische Maßnahmen. „Klug entscheiden“ wolle daher Hilfe bei der Indikationsstellung geben und dafür sensibilisieren, nicht immer alles Machbare durchzuführen. „Man muss viel wissen, um wenig zu tun“, fasst sie zusammen.

Die Initiative wolle aber weder Leitlinien noch Anamnese, Untersuchung, Gespräch oder evidenzbasierte Entscheidungen ersetzen. Vielmehr gehe es darum, die partizipative Entscheidungsfindung zu stärken und Patienten zu schulen. Denn diese sollten nicht fälschlicherweise das Gefühl bekommen, sie bekämen Leistungen vorenthalten – besonders vor dem Hintergrund der Diskussion um Zwei-Klassen-Medizin.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit ärztlichen Vertretern aus dem Deutschen Bundestag sowie einem Hausarzt und einer Fachärztin aus dem Versorgungsalltag zeigte sich: Bei der Umsetzung der Initiative im Alltag ist noch Luft nach oben. „Unterversorgung zu definieren ist viel leichter als Überversorgung“, gestand Märker-Hermann. Auch in den Fachgesellschaften würden Empfehlungen zur Unterversorgung leichter akzeptiert.

 

Mit Qualitätsindikatoren zum Erfolg

Der Hausarzt Dr. Veit Wambach schlug vor, Qualitätsindikatoren basierend auf den Empfehlungen zu entwickeln und das Erreichen der Ziele zu belohnen. „Dadurch erhöhen wir den Druck, klug zu entscheiden und nutzen finanzielle Anreize dort, wo Mehrwert für den Patienten damit verbunden ist“, sagte der Stellvertretende Vorsitzende des Virchowbundes. Kleinteiligere politische Regelungen seien dagegen in den allermeisten Fällen nicht nötig.

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Gesundheitspolitikerin der Grünen, will, dass Ärzte sich die Zeit nehmen, Patienten klarere Anweisungen in verständlicher Sprache zu vermitteln. Als Beispiel nannte sie eine Ärztin in ihrem Bekanntenkreis, die häufig Bewegung verordne. „Sie gibt ihren Patienten einen Stadtplan mit, auf dem je eine Strecke in Rot, eine in Gelb und eine in Grün eingezeichnet ist. Sie verordnet dann zweimal täglich 500 Meter, also die rote Strecke, und zweimal wöchentlich einen Kilometer, also gelb. Das ist konkret, damit können Patienten etwas anfangen.“ Diese Art der Vermittlung koste natürlich Zeit und müsse auch vergütet werden.

Märker-Hermann pflichtet ihr bei: „Medizin ist erlebnisintensiv. Patienten wollen das Gefühl haben, dass sie aktiv etwas beitragen.“ Prof. Dr. Andrew Ullmann (FDP) und Dr. Christiane Wessel, stellvertretende Vorsitzende im Virchowbund, sprachen sich zudem für Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz aus. Auch Selbsthilfegruppen sollten stärker in die „Klug entscheiden“-Empfehlungen mit einbezogen werden.

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