Landesgruppen Baden-Württemberg Bayern Saarland Rheinland-Pfalz Hessen Nordrhein Westfalen-Lippe Niedersachsen / Bremen Hamburg Schleswig-Holstein Mitteldeutschland Mitteldeutschland Mitteldeutschland Mecklenburg-Vorpommern Berlin/Brandenburg

Corona: Keine Praxis soll schließen müssen

Sind wir auf eine zweite Corona-Welle vorbereitet? Droht Praxen der finanzielle Kollaps, weil Patienten ausbleiben? Niedergelassene Ärzte schilderten dem Bundesgesundheitsminister, welche Fragen sie aktuell umtreiben – und stellten klare Forderungen.

Kommt der Minister zum Arzt… Es klingt wie der Anfang eines Witzes, aber der Anlass war ernst. Am 8.7.2020 lud Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die niedergelassenen Ärzte zum Gespräch über die Corona-Pandemie ein. Per Livestream konnten Praxisärzte aus ganz Deutschland ihre Fragen stellen und über ihre Sorgen berichten.

Dabei wurde klar: Es hapert immer noch an der Kommunikation, besonders mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Speziell beim Thema Abrechnung herrschen Unsicherheiten. Dr. Dirk Heinrich, der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, brachte es auf den Punkt: „Es zeichnet sich ab, dass wir einen Wust an Formularen und unterschiedliche Abrechnungswege für die verschiedenen Fälle von PCR-Tests bekommen. Das Motto muss lauten: Keep it simple.“

Spahn versprach, die Kommunikation zu den Gesundheitsämtern zu intensivieren und offene Fragen zur Anordnung und Abrechnung von Tests zu klären. Auch die Bürokratie zur Abrechnung der Tests will er angehen. Allerdings: „Ich weiß nicht, ob’s klappt.“

 

Die niedergelassenen Ärzte waren der Schlüssel zum Erfolg

Ärzte und Minister waren sich einig: Dass Deutschland bislang so glimpflich durch die Pandemie kam, ist vor allem den Praxen zu verdanken.

„Wenn ich gefragt werde, warum Deutschland die erste Welle so gut überstanden hat, dann sage ich immer aus voller Überzeugung: Das hat viel mit unserer ambulanten Struktur zu tun“, betonte Spahn. „Es gibt nicht so viele Länder auf der Welt, die so viele niedergelassene Haus- und Fachärzte haben und wo Patienten ihren Erstansprechpartner im ambulanten System finden. Bei uns sind 6 von 7 COVID-Patienten ambulant behandelt worden. Das war der erste Schutzwall.“

Der Vorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, warnte aber davor, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Im Herbst und Winter droht eine neue Infektwelle, die sich mit steigenden Influenza- und Corona-Erkrankungen überschneiden könnte. Dafür müssen schon jetzt Vorbereitungen getroffen werden. „Das Ziel muss sein, dass wir es schaffen, sowohl die betroffenen Patienten zu versorgen, als auch den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten“, mahnte er.

Etablierte Mechanismen und Strukturen zur Trennung der Patientenströme – etwa eigene Infektpraxen – müssen dann schnell wieder installiert werden. „Und dabei hilft es nicht, wenn ein Land wie Bayern in der Krise die KV entmachtet. Das ist sicherlich der falsche Weg“, kritisierte Heinrich. Auch Projekte wie die TI-Anbindung sollten pausiert werden. „Wir können nicht gleichzeitig Konnektoren anschrauben und die Pandemie bekämpfen.“

Eine weitere wichtige Maßnahme ist die Grippeschutzimpfung. Das sah nicht nur der Virchowbund-Chef so, sondern auch der Minister: „Da bitte ich die Ärzte jetzt schon mitzuhelfen und zu sensibilisieren. Wir haben so viel Grippeimpfstoff wie noch nie in der Geschichte Deutschlands reserviert.“

 

Screenshot: Virchowbund

 

 

Praxisfinanzen bereiten Sorgen

Sowohl die niedergelassenen Ärzte als auch ihre MFA und Praxisteams haben sich mit großem Engagement und hohem persönlichen Einsatz der Pandemie gestellt. Der Schutzschirm sollte ihnen finanzielle Rückendeckung geben.

Sorgen machen sich viele Ärzte, wie Dr. Timm Knopp aus Köln, dennoch. „Wir haben viel und gut gearbeitet, gefühlt müsste da am Jahresende ein Plus und kein Minus herauskommen.“

Spahn bat um Geduld. Genaueres könne man erst sagen, wenn die Situation sich wieder normalisiert haben. Er wolle die finanzielle Situation der Praxen gemeinsam mit der KBV genau beobachten.

 

Schutzkleidung darf nicht wieder knapp werden

Nephrologe Dr. Christoph Nikolaus Sass aus Braunschweig sprach das Thema Schutzkleidung an: „Wie möchte man sicherstellen, dass nicht nur viel, sondern auch die richtige Schutzausrüstung zur Verfügung steht?“ Die bislang gelieferte Ausrüstung sei häufig fehlerhaft. Lieferungen aus Frankreich, Polen und Tschechien seien zeitweise aufgehalten worden.

Aktuell erwartet Deutschland noch 1 Milliarde Schutzmasken aus dem Ausland. „Einen Teil davon werden wir in die Reserve für die kommenden Monate packen, einen Teil werden wir anderen Ländern in Südamerika und Afrika geben“, erklärte Spahn.

Parallel starten zahlreiche deutsche Produzenten mit Abnahmegarantien bis Ende 2021. Spahn erhofft sich, dass damit auch viele Probleme der Qualitätskontrolle vom Tisch sind. „Ich bin sehr sicher, das Thema fehlende Schutzmasken werden wir nicht noch einmal erleben“, sagte er. Alles, was sinnvoll erscheine, werde bevorratet. „Aber es wird wahrscheinlich immer irgendetwas fehlen. Man wäre nicht darauf gekommen, dass Abstrichtupfer einmal knapp werden könnten.“

Ein Minister, der sagt es gebe nun genügen Schutzmasken einerseits und Praxisärzte, die bislang keine einzige Lieferung erhalten haben andererseits – wie geht das zusammen? Spahn erklärt es damit, dass auch die KVen Vorräte anlegen. „Denen können wir sagen: Wenn Bedarf besteht, beliefern Sie die Praxen, im Zweifelsfall erhalten Sie von uns Nachschub. Es ist wichtig, dass die Ausrüstung ankommt.“

 

Patientenströme müssen kanalisiert werden

„Wird die Telefon-AU wieder eingeführt?“ fragte die Hausärztin Anneliese Krombholz. „Das hängt von Infektionsgeschehen ab“, erwiderte Spahn.

Kinderarzt Dr. Markus Sandrock wünschte sich spezifischere Vorgaben, wie mit leichten Infekten bei Kindern umzugehen sei. „Die RKI-Vorgaben sind zu allgemein und beziehen sich nicht auf die spezifische Situation von Kindern“, kritisierte er. Im Gegensatz zu Spahn hielt er standardmäßige Tests und vorsorgliche Quarantäne kaum für realisierbar.

Dr. Heinrich vom Virchowbund sprach sich dafür aus, die 116 117 zu einem allgemeinen, nicht-kommerziellen Terminservice- und Beratungstool auszubauen. „Diese Telefonnummer hat sich bewährt und etabliert.“

Christopher Schultz, Arzt in Weiterbildung im Ärztezentrum Büsum gGmbH empfand die 116 117 ebenfalls als gutes Instrument. Im März und April allerdings hätten die langen Warteschleifen noch dazu geführt, dass die Patienten irgendwann entnervt in der Praxis anriefen.

 

Die Video-Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie auf YouTube. Informationen zu Praxisabläufen und Abrechnung von Corona-Leistungen erhalten Sie in unseren Corona-FAQ.

Erfahren Sie hier, was berufspolitische Arbeit des Virchowbundes für Praxis-Ärzte verändert und warum es sich für Sie lohnt.

 

Lesen Sie mehr zum Thema Gesundheitspolitik und Corona:

Praxisärzte-Blog: Tipps & Tricks, Berufspolitik & mehr | NAV-Virchow-Bund