Landesgruppen Baden-Württemberg Bayern Saarland Rheinland-Pfalz Hessen Nordrhein Westfalen-Lippe Niedersachsen / Bremen Hamburg Schleswig-Holstein Mitteldeutschland Mitteldeutschland Mitteldeutschland Mecklenburg-Vorpommern Berlin/Brandenburg

Die Strategie nach dem Lockdown

Deutschland befindet sich erneut im Lockdown. 9 Monate, nachdem das Corona-Virus zum ersten Mal in diesem Land auftauchte, scheint die Bundesregierung immer noch auf Sicht zu regieren. Über 50 Ärzteverbände machen sich für eine langfristigere Strategie stark, aber es hagelt auch Kritik. Gastautor Dr. Dirk Heinrich findet: So gegensätzlich sind die Meinungen gar nicht.

Das Virus wird nicht verschwinden – auch nicht nach Beendigung des Lockdowns. Im besten Fall erkaufen wir uns dadurch etwas Zeit, bis die Überlastung des Gesundheitswesens erneut zur Gefahr wird. Das könnte im Januar so weit sein, oder im Februar. Und dann?

 

These: Nach dem Lockdown muss nicht vor dem Lockdown sein.

Ich bin kein Vertreter der Idee, man solle die Pandemie einfach laufen lassen bis wir eine Herdenimmunität erreichen. Das wäre höchst riskant und unverantwortlich. Hohe Opferzahlen, gerade in der Gruppe der Schwächsten, wären die Folge.

Nein, wir müssen die aktuelle gefährliche Infektionsdynamik brechen. Wenn es bei der momentanen Entwicklung bleibt, können die Gesundheitsämter die so wichtige Kontaktverfolgung nicht mehr leisten.

Die Frage ist deshalb nicht, ob der Lockdown im November sinnvoll ist oder nicht. Die Frage ist: Was kommt danach?

Im Moment scheint es so, als wollten wir in den nächsten Monaten einen Lockdown an den nächsten reihen – oder eben die Methode Schweden. Ich glaube aber, es gibt noch andere Optionen. Um sie zu finden, brauchen wir dringend eine sachliche, faktenbasierte Diskussion. Dabei darf es weder Vorbehalte geben, noch darf der Diskurs in Unsachlichkeit abgleiten. Wir wollen offen für neue Vorschläge sein.

Das Corona-Positionspapier der KBV, das der Virchowbund mitunterzeichnet hat, enthält noch keinen Masterplan. Es ist ein Denkanstoß, und es soll laufend weiterentwickelt werden, so wie sich auch unser Wissen über die Krankheit und ihre Bekämpfung immer weiterentwickelt. Dabei sind neue Ideen jederzeit herzlich willkommen.

 

These: Der Lockdown wird dazu führen, dass viele Menschen gefährliche Kontakte nicht einschränken, sondern in den privaten Raum verlagern.

Auf diese Erkenntnis kann man auf mehrere Arten reagieren. Entweder noch schärfere Strafen und Kontrollen und noch härtere Maßnahmen zu fordern. Oder Räume zu schaffen, in denen Menschen ihren sozialen Bedürfnissen unter kontrollierten Hygienebedingungen nachkommen können. Ob und wie das möglich ist, hat z. B. die Universitätsmedizin Halle untersucht.

Ich glaube, unsere Chancen für das Containment stehen mit der zweiten Option deutlich besser. Dann sollten wir aber auch mehr Energie in wirklich tragfähige Hygienekonzepte und in deren Kontrolle investieren.

 

These: An die Eigenverantwortung der Menschen zu appellieren, war in der Vergangenheit nicht erfolgreich genug.

Ohne massiven Rückhalt aus der Bevölkerung laufen all unsere Bestrebungen, die Pandemie einzudämmen, ins Leere. Wie schaffen wir es, die Menschen langfristig bei der Stange zu halten, damit sie die AHA+L+C-Regeln weiter und noch konsequenter als bislang einhalten?

Eine Möglichkeit: mit Drohgebärden („Wenn wir es jetzt nicht hinkriegen, ist Ostern / der Sommerurlaub / Weihnachten in Gefahr!“) und drakonischen Maßnahmen. Diese Strategie mag kurzfristig aufgehen, langfristig aber wird sie eher das Gegenteil bewirken. Und diese Pandemie ist nun einmal kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.

Eine andere Möglichkeit: Unser Kommunikationsverhalten zu ändern. Der Virologe Prof Schmidt-Chanasit hat darauf hingewiesen, dass wir bislang offenbar an wichtigen Bevölkerungsgruppen vorbei kommuniziert haben. Und dass wir aus anderen Bereichen – z. B. der HIV-Prävention – Erfahrungswerte haben, wie wir diese Gruppen effektiver erreichen können und den Trend des Infektionsgeschehens umkehren können.

 

These: Die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter ist ein wichtiger Baustein in der Pandemie-Kontrolle.

Fakt ist leider: Die Nachverfolgung aller Kontaktpersonen eines jeden Infizierten ist mittlerweile nicht mehr möglich. Die Gesundheitsämter sind überlastet.

Die Aufgabe lautet nun also, die Gesundheitsämter wieder in die Lage zu versetzen, die Kontakte nachzuverfolgen – das ist ja einer der Hauptgründe für den Lockdown. Bis diese Maßnahme greift, werden aber wahrscheinlich Wochen, wenn nicht Monate, vergehen. Was tun wir in dieser Zeit?

Ein Plan B (den übrigens auch Prof. Drosten schon im Sommer in seinem Podcast ins Spiel gebracht hat) wäre, die Ressourcen des ÖGD dort zu konzentrieren, wo sie am meisten Effekt haben: bei der Nachverfolgung von Superspreading-Events, und um Risikogruppen in Senioren-, Pflegeheimen, medizinischen Einrichtungen etc. zu schützen. Sobald die Situation es wieder zulässt, können wir zur breit angelegten Kontaktpersonennachverfolgung zurückkehren.

 

These: Risikogruppen schützt man nicht, indem man sie wegsperrt.

Aus medizinisch-ethischer Sicht wäre es nicht zu verantworten, Risikopatienten noch einmal so zu isolieren wie im Frühjahr 2020. Menschen brauchen Sozialkontakte. Wer in einer Pflegeeinrichtung oder einem Seniorenheim wohnt, soll weiterhin Besuch erhalten dürfen.

Um diese Besuche möglichst sicher zu gestalten, könnten wir 2 Maßnahmen kombinieren:

1. alle Besucher in solchen Einrichtungen werden per Antigen-Schnelltest getestet

2. Personal, Besucher und ggfs. auch Patienten sollten FFP2-Masken tragen

Natürlich müssen wir dafür sorgen, dass ausreichend Masken und Tests vorhanden sind und die Kosten für die Schutzmaßnahmen gegenfinanziert werden.

 

These: Es gibt keinen Gegensatz zwischen Ärzteschaft, Wissenschaft und Regierung

Die bisherige Kritik an dem Positionspapier zum CoVid-Management lautete: Es bietet aktuell keine Alternative zum Lockdown an. Das stimmt. Denn der Lockdown ist eine kurzfristige Maßnahme, und den Unterstützern des Papiers geht es um eine langfristige Strategie. Das eine schließt das andere nicht aus.

In den letzten Tagen wurde von den Medien oft ein Gegensatz zwischen Regierung und Ärzteschaft bei der Frage der Pandemiebekämpfung herbeigeschrieben. So empfinde ich die Situation aber nicht. Die oben genannten Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen lassen sich z. B. unabhängig von der Strategiefrage „Lockdown oder nicht“ umsetzen.

Ich glaube, auch die Unterschiede der einzelnen Positionen innerhalb der Ärzteschaft sind gar nicht so groß, wie wir glauben. Wir wollen doch alle im Grunde das gleiche: Dass unsere Patienten, Familien, Freunde und wir möglichst gut und gesund durch diese Pandemie kommen, und dass wir auch danach noch eine Gesellschaft haben, die solidarisch und demokratisch ist.

 

Aufgerüttelt? Engagieren Sie sich berufspolitisch im Verband der niedergelassenen Ärzte!

Lesen Sie mehr zum Thema Gesundheitspolitik für niedergelassene Ärzte:

Praxisärzte-Blog: Tipps & Tricks, Berufspolitik & mehr | NAV-Virchow-Bund

Dr. Dirk Heinrich

Bundesvorsitzender
Virchowbund

@VorsitzenderNAV