Primärversorgung: Hausärzte im Virchowbund fordern intelligente Steuerung statt starrer Hausarztpflicht

Der Virchowbund warnt davor, ein Primärversorgungssystem zu einem hausärztlichen Flaschenhals zu entwickeln.

Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes (© Virchowbund / Lopata)

Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes (© Virchowbund / Lopata)

„Alle Akteure im Gesundheitswesen sind sich einig: Patientinnen und Patienten müssen besser und intelligenter in die richtige Versorgungsebene gesteuert werden“, erklärt Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes. „Aber es hat nichts mit intelligenter Steuerung zu tun, wenn wir alle Patienten unabhängig vom tatsächlichen Versorgungsbedarf in die Hausarztpraxis zwingen.“

Aus Sicht des Virchowbundes droht ein Primärversorgungssystem, das fast ausschließlich auf die Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle setzt, an einem Flaschenhals-zu scheitern. Denn für ein solches System fehlen schlicht die Hausärzte. „Wer künftig jeden Behandlungsfall durch die Hausarztpraxis schleusen will, muss auch erklären, wie der zusätzliche Aufwand bei weniger Hausärzten bewältigt werden kann“, stellt Dr. Heinrich fest. Außerdem seien Hausärzte zu wertvoll, um sie als reine Überweisungsärzte einzusetzen. „Die Stärke in der hausärztlichen Versorgung liegt ja gerade in der Betreuung und Koordination komplexer Krankheitsverläufe. Um diese Stärke zu erhalten, müssen Hausärzte auch zukünftig zielgerichtet die richtigen Patienten behandeln können.“

Der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte setzt sich deshalb für ein Koordinationsarztmodell ein. Jeder Patient hat darin einen koordinierenden Arzt, der den Patienten bei Bedarf an weitere Ärzte überweist. Ein solcher „Facharzt für Betreuung, Koordination, Information und Kommunikation“ kann in der Regel ein Hausarzt sein. Doch auch andere Fachrichtungen können als Koordinationsarzt in Frage kommen, z. B. Gynäkologen bei grundsätzlich gesunden jungen Frauen und einer entsprechenden Erkrankung im Fachgebiet. 

Gleichzeitig fordert der Verband, in dem 43 Prozent der Mitglieder aus dem hausärztlichen Versorgungsbereich kommen, einen stärkeren Einsatz digitaler Instrumente. Eine digitale Ersteinschätzung kann Patientinnen und Patienten bereits vor dem Arztkontakt unterstützen, den richtigen Versorgungsweg zu finden und unnötige Arztbesuche zu vermeiden.

Angesichts der zunehmenden Überlastung der Hausarztpraxen kann ein Koordinationsarztmodell für eine intelligente Patientensteuerung sorgen. Hausärzte, die weiterhin eine tragende Rolle in der Patientenversorgung spielen, und Fachärzte arbeiten dabei Hand in Hand, um Patienten in die richtige Versorgungsebene zu lenken. Auch Hausärztinnen und Hausärzte im Virchowbund setzen auf diese gezielte Steuerung der Patienten.

Dr. Franziska Drephal, Hausärztin in Berlin und Vorsitzende der Landesgruppe Berlin/Brandenburg des Virchowbundes, erklärt:
„Wir erleben jeden Tag, wie stark Hausarztpraxen heute bereits gefordert sind. Deshalb halte ich es für sinnvoll, dass auch Fachärzte in die Koordination der Patienten eingebunden werden. Das Ziel muss sein, die Patienten so ressourcenschonend wie möglich direkt in die richtige Versorgungsebene zu lenken.“

Dr. Dirk Altrichter, Hausarzt in Nürnberg und Vorstandsmitglied der Landesgruppe Bayern des Virchowbundes, sagt:
„Nicht jeder fachärztliche Behandlungsweg braucht einen vorgeschalteten Hausarztkontakt. Wer mit einer bekannten Erkrankung bereits kontinuierlich beim Facharzt betreut wird, sollte nicht allein aus Systemlogik zunächst in die Hausarztpraxis geschickt werden. Frankreich zeigt, dass es auch anders geht: Dort kann auch ein Facharzt die Rolle des koordinierenden Arztes übernehmen. Wir brauchen eine bedarfsgerechte Koordination und keine Einbahnstraße über die Hausarztpraxis.“

Dr. Veit Wambach, Facharzt für Allgemeinmedizin und stellvertretender Bundesvorsitzender des Virchowbundes, ergänzt:
„Für eine Effizienzsteigerung im Gesundheitswesen ist die Koordination des Geschehens rund um die Patientinnen und Patienten von höchster Bedeutung. Diese Funktion können, wenn mehr als eine Erkrankung aus einem Fachgebiet vorliegt, naturgemäß nur Hausärztinnen und Hausärzte übernehmen. Die komplexe Tätigkeit von Hausärzten als den Experten für Betreuung, Koordination, Information und Kommunikation umfasst natürlich auch das Ausstellen von Überweisungen, geht aber weit über solche eher administrativen Funktionen hinaus. Das heißt, gemeinsam mit den betroffenen Patienten werden individuell auf den einzelnen Menschen zugeschnittene Wege für die Behandlung auf der bestmöglichen Versorgungsebene erarbeitet.“

Der Virchowbund ist der einzige freie ärztliche Verband, der deutschlandweit ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt.

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