Second-Victim-Phänomen: Wenn der Arztberuf zum Trauma wird

Das Personal im Gesundheitswesen wird täglich mit schwerwiegenden Ereignissen und Patientenschicksalen konfrontiert. Die psychische Belastung kann negative Folgen haben. Hier erfahren Sie, wie Traumata entstehen und was Betroffene und Kollegen beitragen können, um sie zu überwinden.

 

Mitarbeitende im Gesundheitswesen sind einer hohen Grundbelastung ausgesetzt – zum Beispiel durch Personalmangel, kritische Patienten, Notfallsituationen oder auch ausweglose Schicksale. Nicht selten geht es in der Medizin um Leben und Tod. 

Die Belastung durch solche unerwünschten Ereignisse, einen Behandlungsfehler oder die Verletzung eines Patienten kann auch Ärzte und MFA emotional treffen und negative Folgen für die Psyche haben. Dabei muss es nicht zwingend relevant sein, ob man selbst oder ein Kollege beziehungsweise eine Kollegin an der Behandlung beteiligt war.

 

Was ist das Second-Victim-Phänomen?

Als „second victim“, also „sekundäres Opfer“, bezeichnet man Personen, die erst mittelbar und nachgelagert zu Schaden kommen. Der Begriff wurde im Jahr 2000 von Albert Wu, Professor an der Johns Hopkins University in Washington, geprägt.

Kommt es zu einem Behandlungszwischenfall, dann stehen zunächst der Patient und die Angehörigen im Mittelpunkt (first victims). Die Second Victims dagegen sind die am Ereignis beteiligten Fachpersonen. Zum Beispiel Feuerwehrleute oder eben Ärztinnen und Ärzte, die etwa bei Unfällen und Katastrophen im Einsatz sind. Aber z. B. auch behandelnde Ärzte von Krebspatienten können zu Second Victims werden. Das Phänomen kann Klinikärzte genauso wie Hausärzte, MFA oder Pflegekräfte treffen.

Gefährdet für berufsbedingte Traumata ist nicht nur junges Personal. Auch bei routinierten, erfahrenen Fachkräften kann eine schwerwiegende Belastung ausgelöst werden. Medizinische Fachkräfte können in der Folge intensive Emotionen wie Schuld, Scham oder Selbstzweifel erleben und unter der daraus resultierenden hohen Belastung leiden. 

 

Gibt es Hilfsangebote für Ärzte, MFA und Pflegekräfte?

Ein Blick in die deutschen Arztpraxen zeigt, dass es nur selten feste Strukturen für den Umgang mit traumatisierenden Situationen gibt. Zwar existieren oft Beratungsstellen für Betroffene oder auch interne Gesprächsangebote in der jeweiligen Arztpraxis oder Klinik. Die Umsetzung dieser Angebote ist allerdings häufig unstrukturiert. 

Dass in Deutschland geordnete psychologische Hilfs- und Betreuungsangebote für medizinisches Personal immer noch fehlen, hat auch der Virchowbund 2025 im Rahmen seiner Bundeshauptversammlung kritisiert. „Ärztinnen und Ärzte werden weitestgehend allein gelassen. Andere Länder sind hier viel weiter und verankern Trauma-Hilfe im Qualitätsmanagement“, sagt Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes.

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass das Phänomen „second victim“ laut aktuellen Ergebnissen zwar weit verbreitet, jedoch nur wenig bekannt ist. Das legt die SeViD-Studienreihe nahe, die sich seit 2018 mit dieser Thematik in einzelnen Berufsgruppen in Deutschland befasst. 

 

Welche Folgen haben traumatische Ereignisse für die Betroffenen?

Die Folgen belastender Ereignisse können für Betroffene vielfältig sein. Häufig kommt es zu einer dysfunktionalen Verarbeitung. Infolgedessen können sich die Betroffenen isolieren, Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. 

Die Belastung kann sich auch in Schlafstörungen äußern. Second Victims müssen die Situation ggfs. immer wieder durchleben. Wenn Betroffene aufgrund der Belastung zu Alkohol, Medikamenten oder Drogen greifen, kann es auch zu einer Substanzabhängigkeit kommen. 

Diese und weitere Faktoren wirken sich nicht nur negativ auf die Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf das berufliche Umfeld und die Patientensicherheit. Die Angst vor zukünftigen Fehlern steigt und kann zur Unsicherheit im eigenen Handeln führen. Behandelnde, die von der Angst geplagt sind, einen weiteren Fehler zu begehen oder auch an ihrer eigenen Fachkompetenz zweifeln, können ein defensives Verhalten entwickeln. Oder sie brauchen eine ständige Absicherung durch andere Teammitglieder. 

Zudem führt die gesundheitliche Belastung zu verminderter Leistungsfähigkeit, was wiederum die Fehleranfälligkeit erhöht. Dies kann zu Fehlentscheidungen, falschen Handlungen oder verzögerten Behandlungen für die Patienten führen. Für manche Fachkräfte bleibt nur noch die Flucht aus dem Beruf als Ausweg.

Letztendlich leidet somit auch die gesamte Organisation an den Folgen. Langfristige Ausfälle von Mitarbeitenden oder eine erhöhte Fluktuation können dem Betrieb schaden. Gleichzeitig können sich die Umstände negativ auf die vorherrschende Sicherheitskultur auswirken und diese schwächen.

 

Von wem erhalten Betroffene Hilfe?

Die Betroffenen wünschen sich häufig einen strukturierten Umgang mit derartigen Situationen. Besonders gefordert sind dabei die Führungskräfte. 

Für Praxisinhaber bedeutet das: 

  • Erstens müssen sie Strukturen schaffen, die Hilfe ermöglichen.
  • Zweitens müssen sie ihre Mitarbeitenden und die Situation richtig einschätzen, um entsprechende Maßnahmen anbieten und einleiten zu können. 

Das kann schwierig sein, da sie selbst durch das Ereignis betroffen sein können. Aber auch die übrigen Ärzte im Team, MFA und sonstige Praxismitarbeiter sind nach traumatischen Vorfällen gefragt. Sie sollten deshalb im Umgang mit Second Victims sensibilisiert werden.

 

Wie sieht die Hilfe aus?

Das Drei-Stufen-Modell von Scott et al. (siehe Akkordeon) ist aus der medizinischen Fachliteratur bekannt. Es beschreibt einen Eskalationsplan für die Unterstützung von Second Victims. 

 

  1. Stufe: Kollegen
    In der ersten Stufe leisten die Teammitglieder Hilfe für die Betroffenen. Dazu müssen sie in der Lage sein, die Situation und die Belastung richtig einzuschätzen und dementsprechend zu handeln. Beispielsweise bieten sie aktiv ein Gespräch an. Schuldzuweisungen oder das altbekannte „Blame and Shame“ sollen vermieden werden. Wichtig ist, Verständnis für die Hilfsbedürftigkeit zu zeigen. Betroffene sollen dadurch ermutigt werden, Hilfe einzufordern, ohne dass dies als Zeichen von Schwäche gedeutet wird. Darüber hinaus sollte ihnen eine kleine Auszeit angeboten werden, auch wenn das einen kurzfristigen Personalausfall bedeutet.
     
  2. Stufe: Spezialteam
    Sollte diese Unterstützung nicht ausreichen, wird nach dem Modell von Scott et al. ein Spezialteam aktiviert. Hierbei handelt es sich um ein im Umgang mit Traumata geschultes Kriseninterventionsteam, welches direkt und niederschwellig für Betroffene verfügbar ist. Dieses Team ist dann ebenfalls in der Lage zu erkennen, wann die Stufe drei erreicht und professionelle Hilfe benötigt wird.
     
  3. Stufe: Externe Unterstützung
    In schweren Fällen von Belastung ist professionelle Unterstützung gefragt, z. B. durch externe Krisenintervention, speziell geschulte Sozialarbeiter oder Seelsorge.

Drei-Stufen-Modell zur Unterstützung von Second Victims nach Scott et al.

  • Identifikation der Belastungssituation (Achtsamkeit)
  • Verständnis für Hilfsbedarf von Kollegen
  • ggf. Verständigung Kriseninterventionsteam
  • niederschwellig verfügbar (24/7)
  • direkte und vertrauliche Unterstützung
  • Nachbesprechung (debriefing) belastender Situationen
  • ggf. Überleitung in Netzwerk professioneller Unterstützung
  • Anbindung an lokale Strukturen, auch außerhalb der Organisatzion, z. B. Seelsorge, Sozialarbeiter/-innen, externe Kriseninterventionsteams

Quelle: Strametz, R., Raspe, M., Ettl, B. et al. Handlungsempfehlung: Stärkung der Resilienz von Behandelnden und Umgang mit Second Victims im Rahmen der COVID-19-Pandemie zur Sicherung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens. Zbl Arbeitsmed 70, 264–268 (2020). https://doi.org/10.1007/s40664-020-00405-7

 

Wie kann Prävention und gelebte Sicherheitskultur aussehen?

Krisen-Resilienz sollte gezielt gestärkt werden. Häufig hören gerade junge Ärztinnen und Ärzte bzw. MFA von älteren Kollegen Aussagen wie: „Solche Situationen darf man halt nicht an sich herankommen lassen“ oder „So ein Erlebnis darf man nicht mit nach Hause nehmen“. Für akut Betroffene greifen diese gutgemeinten Ratschläge aber zu kurz.

Das Ziel muss vielmehr sein, Betroffenen rechtzeitige und angemessene Unterstützung zu bieten, sodass diese im besten Fall an der Belastung wachsen können. Ärztinnen und Ärzte können sich bereits präventiv innerhalb der Praxis, im Arztnetz oder in Fachgesellschafen und im Berufsverband austauschen und so strukturierte Angebote entwickeln.

Die Ausbildung von Peers zur kollegialen Unterstützung kann dabei ein Bestandteil sein. Peers können Betroffenen kompetente Hilfe auf Augenhöhe anbieten und weitere Unterstützung vermitteln. 

Eine gelebte Sicherheitskultur ist ebenfalls von Vorteil: Sie trägt zu einem offenen und systematischen Umgang mit Fehlern bei. Mitarbeitende profitieren vom Austausch ohne Angst vor Schuldzuweisungen. Das wirkt sich auch im Fall von traumatischen Situationen positiv aus. Lesen Sie hier mehr über den richtigen Umgang mit Behandlungsfehlern.

Für die Mitglieder des Virchowbundes hat die Ecclesia Gruppe spezielle Lösungen zur Risikoabsicherung gegen berufliche Traumata geschaffen. Kontaktieren Sie die Ecclesia-Experten direkt für eine Beratung und individuelle Absicherungsvorschläge. Einen Fachvortrag zum Thema Resilienz finden Sie als Video-Aufzeichnung im Virchowbund-Mitgliederbereich.

Literatur
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